Dienstag , 20 Februar 2018

Was ist Streaming? Spotify & Co – Fluch oder Segen?

Spotify & Co – Fluch oder Segen?

In den letzten Tagen ist wieder eine rege Diskussion über Streaming Dienste entfacht nachdem Taylor Swift ihren gesamten Katalog bei Spotify aus dem Programm genommen hat. Bereits im Juli hatte Taylor Swift ein Editorial im Wall Street Journal veröffentlicht in dem sie Streaming zusammen mit Piraterie und Filesharing für den Rückgang der Verkaufszahlen von Alben verantwortlich macht. Sie betont darin den Wert der Musik: „Musik ist Kunst, und Kunst ist wichtig und selten. Wichtige, seltene Dinge sind wertvoll. Für wertvolle Dinge sollte bezahlt werden.“ Spotify versuchte in einem Blog-Eintrag Taylor Swift dazu zu bewegen wieder ihre Musik auf Spotify zur Verfügung zu stellen – diese negiert jedoch in einem Interview mit Yahoo mit dem Argument sie wolle ihr Lebenswerk nicht bei einem Experiment wie Streaming Diensten einbringen, wenn diese Künstler nicht gerecht entlohnen. Daniel Ek, Co-Founder und CEO von Spotify, stimmt Taylor Swift in seinem Blog-Post zu, dass Musik Kunst ist, Kunst einen Wert hat und der Künstler es verdient, dafür entlohnt zu werden. Er argumentiert, dass Streaming vor Piraterie schützt und dass Spotify bereits 2 Mrd. US$ an die Musik Industrie bezahlt haben – Geld, dass ohne Streaming Dienste nicht geflossen wäre.

So schön so gut – doch wie sieht es zwischen den Zeilen aus und wie funktioniert ein Musik Streaming Dienst?

Der Wandel des Musikmarktes

Der Wandel in den letzten Jahrzehnten in der Musikindustrie war einschneidend. Ich selbst habe in meiner Kindheit noch Musik von Kassetten abgespielt – oder gar von Vinyl-Platten. Dies hat sich zuerst in Richtung Musik-CDs entwickelt um danach das MP3 Format und somit das digitale Geschäft der Musikdownloads zu entwickeln. Seit einigen Jahren stehen wir nun der Cloud gegenüber welche Streaming ermöglicht. Ende 2013 hat erstmals der europäischen Musikverlag Kobalt mit der Streaming Plattform Spotify mehr Erlöse erzielt als mit der Download-Plattform iTunes.

Im ersten Halbjahr 2013 setzten sich beispielsweise die Einnahmen der US Musik Industrie wie folgt zusammen:

RIAA 2014 Mid Year  shipments memo and 2 yr table Final
image-10185

Quelle: RIAA

Was ist Streaming und wie funktioniert es?

Vorreiter in diesem Bereich war die Video-Streaming Plattform YouTube. Mit Hilfe eines PCs, Tablets oder Smartphones in Kombination mit einer Internetverbindung können Millionen Songs via Streaming abgespielt werden. Beim Streaming spielt der Nutzer Musik während er die Daten empfängt bereits ab ohne dabei das komplette Musikstück dauerhaft herunterzuladen. Somit erfolgen Lade- und Abspielvorgang parallel und nicht nach einander wie bei Multimedia Verwaltungssystemen wie Apples iTunes oder Googles Music. Es wird manchmal als „personalisiertes Internet-Radio“ angesehen bei dem unter anderem Radio- und DJ-Funktionen mit Liederlisten angeboten werden. Informationen zu den Interpreten und Konzertangebote sind auch meist inkludiert.

Teile des Speicherplatzes und des Abspielprogrammes werden bei einem Anbieter gemietet – die Dateien werden über die Cloud abgerufen. Dies ermöglicht dem User die Musik unabhängig von Ort und Endgerät abzuspielen. Die Streaming Plattformen stellen hier keine besonders großen Ansprüche: die bekannten Web-Browser reichen für das Abspielen am Computer aus, für Smartphones werden kostenlose Abspiel-Apps zur Verfügung gestellt. Das Musikstück gelangt beim Streaming nicht in den Besitz des Users – dies passiert nur beim klassischen Download. Um sich hier im legalen Bereich zu bewegen werden Lizenzvereinbarungen zwischen den Plattformen und den Musik-Labels abgeschlossen.

Cloud Computing
image-10186

Quelle: www.europakonsument.at

Musik Streaming ist ein wachsendes Geschäft, größter Anbieter ist die schwedische Firma Spotify. Derzeit hat Spotify mehr als 10 Mio zahlende und fast 40 Mio Gratis-User.

Das Geschäftsmodell

Die meisten Streaming Plattformen finanzieren sich über Werbung in Form von Audiospots und Bannern auf der Website einerseits und Freemium andererseits. Bei Freemium wird ein bestimmtes Basisprodukt gratis angeboten während das Vollprodukt kostenpflichtig ist. Die Anbieter argumentieren, dass sie durch den Gratis-Account Kunden von der Piraterie abhalten und hin zu kostenpflichtigen Diensten schwenken.

Bei den Gratis-Accounts müssen sich die User auf Abstriche und Serviceeinbußen gefasst machen, die kostenpflichtigen Accounts laufen meistens auf Basis von Flatrates. Das Zusatzangebot kann beispielsweise darin bestehen, dass der User Musik ohne Werbeeinschaltungen hören bzw. die genauen Songtitel auswählen kann. Bei den Gratis-Accounts ist oft nur die Wahl eines Musikstils oder eines Interpreten möglich. Manche Plattformen bieten an, dass ganze Alben im Rahmen des Abos heruntergeladen und somit diese Titel auch ohne Internetverbindung gehört werden können – jedoch nur so lange der User das Abo bezieht.

Teile der Einnahmen der Flatrates und der Werbeeinschaltungen werden von den Plattformen an die Labels bezahlt. Spotify gibt zB an 70% seiner Einnahmen an die Labels im letzten Jahr abgegeben zu haben.

Vorteile für den User

  • Zugriff auf Millionen Alben.
  • Gratis-Account oder Flatrate-Account für eine unbegrenzte Zeit des Musikhörens.
  • Immer Verfügbar bei Internetverbindung – egal auf welchem Ort bzw. Endgerät.
  • Playlists können mit Freunden ausgetauscht werden.
  • Daten belasten keinen Speicherplatz.

Nachteile für den User

  • Musik ist nicht in Besitz und Zugriffsrechte erlöschen nach Ablauf des Abos.
  • Internetverbindung ist meist notwendig.
  • Oft besteht ein Qualitätsverlust bei den Musikstücken.
  • Verschwindet eine Streaming Plattform vom Markt sind alle Musiktitel verloren.
  • Ein Kopierschutz verhindert die Musik auf CDs zu brennen.

Was bekommt die Musikindustrie?

Genau hier setzt Taylor Swift ihre Argumentation an. Daniel Ek sagt, dass Spotify seit seiner Gründung 2 Mrd. US$ an die Musikbranche bezahlt habe und führt Swift vor, was ihr entgeht: Er meint, dass Künstler wie sie im kommenden Jahr wohl mehr als sechs Millionen Dollar von Spotify erhalten werden. Swift hingegen argumentiert, dass sie im letzten Jahr lediglich 500.000 US$ über Spotify eingenommen hat. Das entspricht 50.000 verkauften Alben.

Bleiben wir bei dem Beispiel Spotify für die Kalkulation. Die Einnahmen der Künstler sind von folgenden Faktoren abhängig: den Werbeeinnahmen, der Anzahl der zahlenden Nutzer und wie oft der Titel gestreamt wird. 70% der Erlöse schüttet Spotify an die Musikindustrie aus – und damit ergibt sich in der letzten Zeit ein Preis zwischen 0,6 und 0,84 pro Stream. Anders gerechnet: Um auf Spotify 100 Euro zu verdienen muss ein Song rund 24.000 Mal gehört werden – das entspricht ca. 14 Alben auf iTunes.

Fluch oder Segen? – Verschiedene Sichtweisen

Für Streaming Anbieter ist es eindeutig, dass durch diese Möglichkeit der Musik-Beschaffung die Piraterie eingedämmt wird. So hat das Internet die Bezahlbereitschaft radikal verändert und durch Raubpiraterie die Einnahmen rund um die Hälfte schrumpfen lassen. Streaming Anbieter argumentieren, dass durch die Plattformen den Künstlern geholfen wird mit ihren Fans verbunden zu sein und vor Piraterie zu schützen. Weiteres helfen Streaming Services den Künstlern neue Fans zu generieren welche wiederum bereit sind Geld für beispielsweise Konzerte auszugeben.

So gesehen ist es besser, die Leute zahlen wenig verglichen zu gar nichts. Insbesondere bekannte Künstler profitieren von den Diensten, da diese Musik auch häufiger gestreamt wird.

Gegner hingegen argumentieren dass Streaming-Dienste wenig Geld für die Künstler einerseits erwirtschaften und andererseits die User vom Kauf der Musik abhalten. So machte Taylor Swift in ihrem Editorial im Wall Street Jounal Streaming neben Piraterie und Filesharing für den Rückgang der Albumverkäufe verantwortlich.

Insbesondere für unbekannte Künstler ist es auf diesem Weg schwierig Geld zu verdienen verglichen mit dem Kauf einer CD. Jedoch zeigt eine neue Studie aus den Niederlanden, dass auch kleine Künstler von den Diensten profitieren: So streamen insbesondere vor Festivals deren Besucher die Musik von den auftretenden Bands um sich einzustimmen bzw. ein Bild von den Künstlern zu machen.

Ein Problem ist auch die Transparenz: Spotify bezahlt 70% der Erlöse an die Labels – diese jedoch halten die Information wie das Geld weiterfließt gut bedeckt. Des Weiteren haben die Labels die Verwertungsrechte und verhandeln somit mit den Anbietern – die Künstler haben hier wenig mitzureden.

Schlusswort

Eines steht fest: Das Internet hat den Musikmarkt enorm revolutioniert und Künstler werden wohl schwer wieder auf vergangene Verkaufszahlen kommen. Ob jedoch Streaming Plattformen die Lösung des Problems darstellen oder eher ein weiteres Problem verursachen – darüber scheiden sich tatsächlich die Geister. Lösbar wird diese Frage wohl in dem hier vorhanden Rahmen nicht sein. In diesem Sinne:

 Info: Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der FH Burgenland.

Amanda Sebestyen

Amanda Sebestyen

Amanda Sebestyen ist Senior Marketing Manager bei IIR und Mutter 2er Kinder. Beruflich ist sie für die Vermarktung von Fachkonferenzen und Seminaren verantwortlich – privat konnte sie ihren Wissensdurst bisher nicht ausreichend stillen. Deshalb studiert sie zurzeit berufsbegleitend am Masterstudiengang „Information Medien Kommunikation“ um am Puls der Zeit zu bleiben.
Amanda Sebestyen

Latest posts by Amanda Sebestyen (see all)

4 Kommentare

  1. Interessanter Artikel – jeder streamt mittlerweile, aber kaum jemand weiß was dahintersteckt! Danke!

  2. Informativer Artikel! Jeder streamt, aber kaum jemand weiß, was dahintersteckt – danke!

  3. Durch Zufall auf diesen Artikel gestoßen: interessante und vor allem informative Zusammenfassung – auf den Punkt gebracht!!! Wusste einiges nicht! Danke!

  4. Toller Artikel! Guter Aufbau, vielseitige Informationen, spannend geschrieben von Anfang bis Ende…einfach super!!!