Mittwoch , 23 August 2017

Die neuen Domainendungen oder Top Level Domains – .sucks oder .rocks?

Nach der Einführung der ersten neuen Domains ist es an der Zeit, die ganze Thematik unter die Lupe zu nehmen. Mit den neuen Domains ergeben sich wieder viele neue Kombinationsmöglichkeiten für Unternehmen, Blogbetreiber und Privatpersonen. Wir haben mit Profis aus der Szene gesprochen, um einen möglichst umfassenden Einblick zu bekommen und das Thema von allen Seiten zu beleuchten. Eine zentrale Frage stellt sich natürlich auch: Wie wirken sich die neuen Top Level Domains auf die Suchmaschinenoptimierung aus?

Kurzübersicht – Was bisher geschah

Über 1.000 neue Top Level Domains (TLDs) werden in den nächsten Monaten zur Registrierung freigeschaltet werden. Einige Domains sind bereits verfügbar.

Bis dahin war es jedoch ein langer Weg: Die klassischen Domains wie .com(Einführung 1985), .de (Einführung 1986) und .at (Einführung 1988) sind schon verhältnismäßig lange am Markt. Im Jahre 2000 wurde ein Testlauf mit wenigen neuen Domains gestartet. (.biz, .info, .name, …)

Im Juni 2008 wurde beschlossen, die Regeln für neue Domains zu lockern. Das Programm für die Einführung der neuen Domains wurde am 20. Juni 2011 seitens der ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) offiziell beschlossen. Ab Jänner 2012 wurden Bewerbungen entgegen genommen. Die ICANN koordiniert das „Domain Name System“ und vergibt die neuen Domains. Markeninhaber bekamen die Möglichkeit, den Markennamen in den so genannten Sunrise Phasen zu schützen und die Registrierung von gewissen Domains zu sperren.

Laut einem Bericht von Spiegel Online kostete jede Bewerbung für eine neue Domain Endung mindestens 185.000 Dollar. Diese müssen auch bei einer nicht erfolgreichen Registrierung gezahlt werden.

Eine Liste mit allen Domain Bewerbungen die bei der ICANN eingegangen sind, findest du hier:

Gibt es neue Österreich-Domains?

Insgesamt gibt es 6 Bewerbungen für neue Domains mit einem Österreich-Bezug. Bei .tirol und .wien ist er offensichtlich. Die Domain Endung .vig bedeutet Vienna Insurance Group und wurde von der Wiener Versicherung Gruppe eingereicht. Der Österreich-Bezug der restlichen 3 Domains existiert wohl nur am Papier. So will die Crescent Holding GmbH die Domain-Enundgen .olayan, .olayangroup und eine Domain in arabischer Schrift einführen. Die Crescent Holding GmbH ist eine Tochterfirma der Saudi Arabischen Olayan Investments Company und hat ihren Sitz in Wien.

Über 70 Anträge kamen aus Deutschland

Renommierte deutsche Unternehmen wie BMW, Audi, Bosch oder der Spiegel Verlag haben auch um eine eigene Domain-Endung angefragt. Die Domain .berlin ist bereits erhältlich. Auch Köln und Hamburg wollen eine eigene Domain Endung.

Google und Amazon wollen mehr Domain-Endungen als ganz Deutschland

Falls du Google nicht in der Liste der Antragssteller finden könnt: Google geht mit einem anderen Namen in das Rennen um die Domains. Da Google bereits Domain-Endungen besitzt, bewarb man sich unter dem Firmennamen „Charleston Road Registry Inc.“. Gleich 101 neue Domain-Endungen will sich Google sichern. Amazon hat 76 Domain Endungen im Visier. Dabei herrscht oft eine Konkurrenz zwischen den Bewerbern, da sich mehrere Bewerber dieselbe Domain-Endung sichern wollen.

Die neuen TLDs kann man verschiedenen Kategorien zuweisen

 

Generische TLDs

Mit diesen Domains kann man als Unternehmen direkt die Zielgruppe ansprechen. Generische Domains sind meistens selbsterklärend und deshalb sehr beliebt. (.jobs, .restaurant, .app)

Geographische TLDs

Die Endungen .berlin und .wien sind bereits für jedermann verfügbar. Diese Domain-Endungen sind hauptsächlich für Städte und Regionen gedacht. Ob sie sich auch für lokale Unternehmen eignen um bei lokalen Suchanfragen besser gerankt zu werden, steht noch in den Sternen.

Marken TLDs

Unternehmen wie BMW (.bmw), Audi (.audi) oder auch Visa (.visa) haben sich eine eigene Domain registrieren lassen. Man will so den Wiedererkennungswert stärken und die Brand durch die eigene Domainendung aufwerten.

Community TLDs

Mit Domainnamen wie .sport, .music, und .art will man es Seitenbetreibern ermöglichen, sich zu einer gewissen Community zuzuordnen. Man kann als Unternehmen, Gruppe oder Privatperson also eine Zugehörigkeit ausdrücken.

nTLDs und Seo

Matt Cuts nahm im März 2012 zu diesem Thema Stellung und sagte, dass die neuen Domains keine Bevorzugung beim Ranking auf Google haben werden. Matt Cutts sagt, das sei ein

Gerücht und die Domains werden auch langfristig keinen Vorteil bei Google genießen. Es ginge doch immer noch um das beste Suchergebnis.

Seo_Neuetlds_MattCutts

Hier noch ein Video mit einer Stellungnahme von Matt Cuts:

Google hat, wie weiter oben bereits erwähnt, auch selber über 100 Domain Endungen beantragt. Ob diese nun auch wirklich nicht beim Ranking bevorzugt werden, wird die Zukunft zeigen.

Wer den TLD Dschungel trotzdem noch nicht durchblickt, hier noch ein guter Überblick über Preise, Begriffserklärungen und FAQ’s zu den neuen Domainendungen.

Alexander Ernst von Domainquadrat.at meint zudem, dass auch nur jene neuen nTLDs eine Chance am Markt haben, die eine Plattform (zB Amazon) oder eine Suchmaschine (zB Google) hinter sich haben. Das gesamte Interview mit Alexander Ernst findest Du am Ende des Blogbeitrages.

.lol, .rip, .sucks aber kein .seo?

Anscheinend doch! Wir wollten uns seo.today probeweise registrieren lassen. Nach der Bestellung bei World4you bekamen wir eine Rechnung und nach der Einzahlung dachten wir, dass alles geklappt hat. Am nächsten Tag sendete man uns jedoch eine Gutschrift per Email. Nach einer Nachfrage unsererseits, warum die Domainregistrierung fehlschlug, bekamen wir folgendes Mail:

Wann die .seo Domain verfügbar sein wird, konnte man uns nicht sagen. 1und1 schlägt schon vor der Registrierung Alarm und informiert, dass der Domainname aus rechtlichen Gründen nicht vergeben werden kann.

 

.hotel Domain – „Außer Spesen nichts gewesen“

Thomas Thaler, ehemaliger Betreiber von www.urlauburlaub.at, arbeitet jetzt unter anderem als Berater bei seiner eigenen Firma (www.thaler-enterprises.com). Er hat auch mit Kunden aus der Tourismus und Hotel – Branche zu tun. Er würde keinen seiner Kunden raten, eine .hotel Domain zu wählen. Er persönlich hält die neue .hotel Domain ähnlich wie die. Guru Domain für entbehrlich. In der Praxis werden sich die großen Hotels diese Domains sichern und einfach auf die best

ehende Domain weiterleiten. Bei kleineren Hotels rechnet Herr Thaler mit Rechtsstreitigkeiten auf Grund von Möglichen Domains wie (Alpenblick.hotel oder Postwirt.hotel). Zusammengefasst sagt er noch, dass er die .hotel Domain nicht empfehlen kann. Außer Spesen nichts gewesen.

 

Die lokale .wien Domain

Zu diesem Thema führten wir ein Interview mit Bernhard Angeler. Er betreibt die Internetseite www.flughafentaxi-wien.at. Wir fragten nach, ob die neue .wien Domain interessant für ihn wäre und was er allgemein zu der neuen .wien Domain sagt:

bernhard_angeler „Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht wie viele neue TLDs in diesem Jahr noch auf den Markt kommen werden. Einen Boom wird es sicher nicht auslösen – auch heute noch sind gute Domains frei bzw. kann diese preiswert erwerben. Lokale Domains wie .berlin, .tirol oder auch .wien finde ich interessant, aber nur für lokale Dienstleister. Ob und wie die neuen regionalen TLDs seitens Google bewertet werden, wird man erst nach der Einführung sehen, ich denke aber schon, dass diese TLDs einen kleinen Vorteil gegenüber einer Domain wie begriff-ort.at haben werden. Auch für mich wäre die Domain www. flughafentaxi.wien eine Alternative, aber eigentlich mehr aus Marketinggründen: „Flughafentaxi PUNKT Wien“ ist um einiges besser als „Flughafentaxi MINUS Wien PUNKT at“ – allerdings müsste man auch darauf achten ob z.B. diese Domains (.wien bzw. .tirol) in Deutschland angezeigt werden oder eine regionale Einschränkung bekommen werden. Aktuell habe ich noch keine Domain vorbestellt und werde erst in der Wettbewerbsphase für .wien aktiv.“

Zum Abschluss folgen noch 2 der versprochenen Interviews in voller Länge.

Interview mit Herrn Wein, Geschäftsführer von Nic.at:

nic.at, GF Shooting, Herr Wein, 2010 04 22, Location: Salzburg AG Rotunde;

Herr Wein, wie schätzen Sie die Entwicklung der neuen TLDs ein?

Schwierige Frage, nachdem erst sehr wenige neue gTLD für die breite Öffentlichkeit zugänglich sind. Aber was auf alle Fälle klar absehbar ist: Die großen Hoffnungen können wohl nicht erfüllt werden, was zumindest die Zahlen angeht. Einziger Lichtblick war der Start von .berlin letzte Woche, die bereits nach 7 Tagen etwa 40.000 Domains registriert haben. Ein großer „Reinfall“ war auf alle Fälle, das s.g. TMCH (=Trade-Mark-Clearing-House). Dies hat man mit riesigen Aufwand eingerichtet, um eingetragene Marken weltweit zu schützen. Leider wurde dieses Instrument sehr wenig genutzt.

Sind die neuen Domain-Endungen Ihrer Meinung nach echte Alternativen?

Für bestimmte Nischen, wie z.B. Städte oder sog. Communities bestimmt. Das Internet wird immer regionaler und da sehe sehr wohl Potenzial für diese „Nieschen“-TLD´s. Es gibt jedoch auch sehr naja „gewöhnungsbedürftige“ neue gTLD´s, wie z.B. .sucks oder .lol und da wird sich zeigen, ob die Kunden diese TLD´s wirklich annehmen, ich bin da persönlich sehr skeptisch.

Wie stark wird Ihrer Meinung nach der Vorteil für lokale Suchanfragen sein, wenn man eine .wien Domain hat?“

Das hängt natürlich sehr stark davon ab, wie Google und co darauf reagieren. Ich glaube jedoch, dass die lokale Suche stärker unterstützt wird, weil es primär doch den Suchmaschinen darum geht, optimale Ergebnisse für Suchanfragen zu generieren, natürlich mit dem Hintergedanken, damit noch gezielter Werbung platzieren zu können. Google z.B. hat sich selbst um ca. 100 neue gTLD´s beworben, daraus könnte man darauf schliessen , dass sie diese unterstützen werden. Es gibt natürlich auch Befürchtungen, dass Google ihre „eigenen“ TLD´s bei den Suchergebnissen besser reihen werden, als andere, aber das wird die Zukunft zeigen.


Interview mit Alexander Ernst von domainquadrat.at:

alexander_ernst

Sie sind einer der größten Domainer in Österreich. Wie werden sich die neuen TLDs aus Ihrer Sicht auf den Markt auswirken?

Das kann man nur schwer voraussagen, aber ich denke, dass die bestehenden „alten“ TLDs gestärkt werden. Die ersten Registrierungszahlen der neuen TLDs sind sehr schwach ausgefallen und wenn es so weiter geht, denke ich nicht, dass diese nTLDs marktrelevant werden. Der Endkunde ist einfach durch mehr als 1.000 neue TLDs verwirrt und wird auf bekannte Endungen zurueckgreifen.

Positiv muss man aber hervorheben, dass jetzt viel mehr über Domains geschrieben und geredet wird – auch in diesem Blog ist es erstmals ein Thema. ;-)) Natürlich wird viel über die neuen Endungen berichtet, aber es unterstreicht auch die Wichtigkeit des Domainnamens bei den bestehenden TLDs. Es wird einfach längst fällige Aufklärungsarbeit im Domain-Bereich betrieben.

Wo sehen Sie die größten Chancen und wo eher weniger Potential für die neuen TLDs?

Chancen sehe ich nur bei nTLDs, die auch von Suchmaschinen oder Portalen gepusht werden. Da sich z.B. Google und Amazon selbst um viele nTLDs bemühen, kann es durchaus sein, dass diese Unternehmen spezielle Geschäftsmodelle oder Bonuslistings in deren Portalen mit der Registrierung eines Domainnamens unter deren TLD verknüpfen. Ob das jetzt so positiv oder vom User gewollt ist, stelle ich dahin – aber es würde natürlich die Registrierungszahlen pushen.

Weiters gibt es eine Chance bei so manchen Städte- und Regionen-TLD, sowie bei Umlaut-TLDs, die speziell im asiatischen Raum gut gehen könnten.

Aber viele Endungen sind für Communities oder Nischen gedacht und da mag es womöglich gar nicht auf die Registrierungszahlen ankommen – und somit werden auch TLDs mit geringer Domainanzahl als Erfolg gefeiert werden, ohne dass diese beim Endkunden bekannt sind.

Sonstige Anmerkungen von Herrn Ernst:

Die Registrierungszahlen der neuen TLDs sagen eigentlich schon sehr viel aus:

.guru hat mit 47.000 Domains den Platz 1 unter den nTLDs, gleich gefolgt von einer .berlin mit aktuell 44.000 vergebenen Domains. Wenn man aber bei .berlin genauer hinschaut, dann sieht man, dass eine Fa. BFB Bestmedia4Berlin mehr als 6.000 Domains registiert hat. Jetzt sollte man wissen, dass diese Firma Gesellschafter an der Registrierungsstelle .Berlin ist und somit Interessen an einem Erfolg der TLD hat. Werden so also die Registrierungszahlen künstlich gepusht?

Auch frage ich mich, warum eine .reise und eine .reisen eingeführt werden soll?

Das kann doch nur zu Verwechslungen führen. Und warum sollen diese beiden ntlds ein Erfolg werden, wenn die .travel schon seit Jahren existiert und gerade einmal 18.000 registrierte Domains aufweist. Oder ist das bereits ein Erfolg?

Man könnte da sicher noch viel zu diesem Thema sagen, aber das würde den Rahmen hier sicher sprengen.

 

Für Kommentare unter dem Beitrag ist jedoch noch jede Menge Platz 😉

Welche Meinung habt ihr zu diesem Thema? Habt ihr euch vielleicht sogar schon die eine oder andere neue Domain registriert?

Alexander Eisendle
Alexander Eisendle hat das Thema SEO im Zuge seiner Bachelorarbeit kennengelernt. Derzeit absolviert er den Masterstudiengang in Betriebswirtschaftslehre und arbeitet bei der get on top gmbh. In den letzten 3 Jahren konnte er auch Praxiserfahrungen in den Bereichen Eventmanagement und Marketing sammeln. Seit März 2014 arbeitet er als Junior SEO gemeinsam mit Thomas Rafelsberger.
Alexander Eisendle
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6 Kommentare

  1. Die neuen TLDs werden ein Flop – zu Recht. Kein Mensch braucht diese neuen Endungen. Letztlich geht es den Anbietern doch nur darum, einen schnellen Dollar zu machen. Große Firmen sind leider gezwingen sich ihre Marken unter den neuen TLDs zu schützen. Das kostet enormes Geld und darauf spekulieren die Anbieter. Für das Internet selbst und die Nutzer bringt es jedenfalls keinen Vorteil. Im Gegenteil. Von daher: Ignorieren und auf gestandene Endungen setzen!

  2. Ich glaube, dass der Schuss nach hinten losgehen wird. Also Subdomains noch nicht üblich waren, fügten viele am Beginn noch ein „www.“ hinzu. Also z.B. „www.mail.domain.com“. Ähnlich wird es auch hier sein. Der ungeübte User wird wohl „www.domain.wien.at“ eingeben, weil die neue Domainendung unbekannt ist und auch komisch wirkt. Klar wird man sich nach einer Zeit daran gewöhnen, aber bis dahin könnte das Vertrauen der Investoren schon verloren sein.
    Dazu kommt, dass viele keine Domains mehr eingeben, sondern strickt in Google suchen (auch wenn die URL bekannt ist).

  3. Aus SEO-Sicht werden die Domains nix bringen, aber das ist ja nicht immer das einzige Kriterium.
    Manch einer legt sich sein Auto tiefer (obwohl das technisch keinen Sinn macht), ein anderer wird eine der neuen TLDs haben wollen – einfach weil es (vielleicht) besser aussieht. Geschäftemacherei? Mag sein, aber man muss ja nicht mitmachen. Letztlich hängt es vom Preis ab, was man sich leisten will.

  4. Redmarketing Berlin

    Die neuen TLDs bringen höchstens am Anfang was für die großen Marken, wenn User auf die neue Domain aufmerksam werden, weil sie anders aussieht als normalerweise.
    Wenn man sich aber erst einmal daran gewöhnt hat, dann hat es keinen Effekt und Nutzen mehr.

  5. Einerseits its klar, durch die neuen Domainendungen werden bestehende Domains im Wert fallen. Hier greift das Prinzip der Inflation. Andererseits ermöglichen die neuen Domainenendungen, Neueinsteigern im Internet zu humanen Preisen Projekte mit attraktiven Domainnamen zu betreiben.