Dienstag , 20 Februar 2018

Facebook ist tot

Sinkende Reichweiten, Klickfarmen, ein Abwandern der jungen Zielgruppe zur (teils hausinternen) Konkurrenz und ein missglücktes Redesign (vielleicht nur meine persönliche Meinung). Dazu kommt ein aktuell wieder leichter Abwärtstrend des Aktienkurses. Der blaue Riese scheint zu wanken. Droht Facebook das gleiche Schicksal wie MySpace?

New Facebook News-Feed

Nicht jeder ist ein Freund des letzten Redesigns …

Hätte irgendwann zwischen 2005 und 2008 jemand das Ende von MySpace angekündigt, wäre das wohl als „unmöglich“ abgetan worden. Ähnlich sah es wohl bis vor kurzem auch bei Facebook aus.

Natürlich sehe ich die überragende Vormachtstellung von Facebook, vor allem in unseren Breiten, wo andere soziale Netzwerke weit abgeschlagen liegen und nur geringe Relevanz haben. Persönlich bin ich ein großer Twitter-Fan, beruflich ist die Wichtigkeit von Facebook natürlich nicht von der Hand zu weisen.

Allerdings bin ich mir sicher, dass Facebook nicht unschlagbar ist und auch dieser Goliath von einem David bezwungen werden kann. Aus diesem Grund habe ich ein Gedankenexperiment angestellt und mich gefragt, was (mir) fehlen würde, wenn es morgen heißen würde: „Facebook ist tot“.

Facebook als internes, abgeschlossenes Netzwerk

Wenn ich mir anschaue, wo ich auf Facebook am aktivsten bin, sind das mit überwiegender Mehrheit die Gruppen. Und die allermeisten davon sind geschlossen. Der Vorteil liegt klar auf der Hand: Interessensgemeinschaften schließen sich zu Netzwerken zusammen und können dabei auf bekannte Funktionen zurückgreifen. Und das, ohne in ein anderes Netzwerk zu wechseln.

Facebook als Schlüssel zur Online-Welt

Mit Facebook Connect bietet Facebook eine Art Schlüsselbund für diverse Netzwerke. Viele User (darunter auch ich) haben sich über Facebook registriert und loggen sich auch damit regelmäßig ein. Ich mag diesen Komfort und möchte ihn nicht missen.

Facebook als Geburtstags-Reminder

Es ist eigentlich peinlich, wie viele Geburtstage ich vergessen würde, wenn mich Facebook nicht daran erinnern würde. Noch peinlicher sind aber die Geburtstage von Freunden, die ich vergesse, weil sie nicht auf Facebook sind.

Facebook als persönlicher Social Media Hub

Ein letzter, nicht unwesentlicher Punkt ist Facebook als Epizentrum der Social Media Experience. Jedes Like, Instagram-Foto, jeder Foursquare-Checkin und Pinterest-Pin wird auch auf Facebook festgehalten (natürlich sofern man verknüpft ist). Mit OpenGraph und den Interessensabfragen Facebooks wird auch gespeichert, welche Filme jemand gesehen hat, welche Bücher gelesen und welche Spiele gespielt. Was für den einen ein Privatsphären-Alptraum ist, ist für den anderen eine Art Tagebuch.

Ich bin ein großer Freund der Timehop-App, die mir zeigt, was ich an einem bestimmten Tag in der Vergangenheit so gemacht habe. Das wäre ohne Social Media nicht möglich – und Facebook hat davon viele Informationen gespeichert.

Facebook als wirtschaftliches Unternehmen

Alle diese Dinge sind jetzt für Facebook nur bedingt lukrativ. Das Netzwerk ist jedoch ein profitorientiertes Unternehmen. Natürlich hat man sich auch dort Gedanken dazu gemacht.

Die kürzlich (bei uns nur angekündigte) Auslagerung des Messengers aus der Facebook App geht in eine bestimmte Richtung. Facebook hat erkannt, wie die User das Netzwerk nutzen und versucht diesen je nach Funktion eine eigene Experience zu bieten: Für Kommunikation mit Freunden gibt es den Messenger, für Fotosharing die Camera-App und für das Lesen von Status-Updates (Stories) Facebook Paper.

Leider noch immer nicht bei uns erhältlich: Facebook Paper

Damit baut man sich lauter kleine Applikationen auf, die man jeweils angepasst für Werbezwecke anbieten kann.

Guter Content oder bezahlte Reichweiten

Aber auch die ursprüngliche Funktion, das Teilen von Inhalten, wird weiterhin Geld in die Kassen von Facebook spülen. Denn entweder man hat guten Content oder man muss für Reichweiten bezahlen. Diesen Fakt müssen wir Marketer einfach akzeptieren. Das wird aber auch mittelfristig dazu führen, dass nicht mehr jedes Unternehmen auf Facebook ist, weil nicht jeder die nötigen Ressourcen (finanziell oder personell) dafür aufbringen kann.

Facebook ist tot, lang lebe Facebook!

Ich weiß nicht, ob Facebook gekommen ist, um auf Ewigkeiten zu bleiben. Aber ich sehe, dass man sich in Menlo Park durchaus bewusst ist, dass jede Vormachtstellung ein Ende haben kann. Und diese Einstellung ist wohl die beste Strategie, um länger zu bestehen.

Eure Meinung?

Was glaubt ihr, ist Facebook unbezwingbar geworden? Oder ist das Ende nah? Was würdet ihr am meisten vermissen, wenn es Facebook nicht mehr gibt? Ich freue mich über Feedback!

Paul Lanzerstorfer
Paul Lanzerstorfer ist Geschäftsführer der Linzer Online-Marketing-Agentur Pulpmedia. Gegründet 2005 gemeinsam mit seinem ehemaligen Studienkollegen Robert Bogner, bietet die Agentur 360°-Online-Marketing an – von Web Development über Social-Media-Betreuung und Videoproduktion bis Consulting. Lanzerstorfer hat Medientechnik und -design an der FH Hagenberg studiert und Auslandserfahrung als Online-Marketing-Manager bei Room9 Ltd. in Neuseeland gesammelt. Auf webmarketingblog.at konzentriert er sich auf das Thema Social Media Marketing.
Paul Lanzerstorfer
Paul Lanzerstorfer

8 Kommentare

  1. Deine Kritikpunkte sind berechtigt und schlüssig. Ich glaube, dass, solange es keine Alternative gibt, die Leute hier bei Facebook bleiben (immerhin eine Milliarde). Selbst wenn dabei viele Fake-Nutzer sind: ein paar hundert Millionen Menschen erreicht kein anderes Netzwerk. Wenn die Alternative da ist, sind aber alle Nutzer weg.

  2. Bei der Bedeutung einzelner sozialer Netzwerke geht es mE gar nicht so um technische Features, sondern wie viele deiner Kumpels dort aktiv vertreten sind.

    Solange auf Facebook so gut wie alle sind, bleibe ich sicher dort. Ich mag die Tratschgeschichten, foodporn, Empörung über Belangloses und Ätzes, welches Bubi gerade mit welchem Mädi in der Disco ist 😉

    Und dieses neue Stalking-feature „wo sind meine Buddies gerade“ wird der Hit!

  3. @Thomas Kohler: Danke! Aber Whatsapp hat gerade gemeldet, 500 Mio User zu haben, Twitter hat 200 Mio aktive Accounts. Die Alternativen sind also schon da. Der große Vorteil von Facebook ist, dass es halt ein One-Fits-All Social Network ist.

  4. @Thomas Thaler: Das macht Facebook zu einem Freunde Netzwerk, ja. Auf Twitter geht es mir z.B. weit weniger darum, ob ich die Personen persönlich kenne. Ebenso auf YouTube, Pinterest usw.

  5. „Solange auf Facebook so gut wie alle sind, bleibe ich sicher dort.“ – Ich glaube der Satz gilt für viele. Ich bin ja auch einer von denen. Aber ich wende mich mehr und mehr von Facebook ab.

    Mit EdgeRank stelle ich immer wieder fest, dass mir jetzt sehr viele Sachen angezeigt werden, die mich nur sehr bedingt interessieren und die Status-Updates von Freunden, die ich wirklich interessant finde werde mir gar nicht angezeigt. Was ich gerne „Nischen Updates“ nenne haben gar keine Chance mehr! Und das ist ätzend.

    Aber solange sich da weiterhin die Nutzer aufhalten, wird Facebook auch nicht sterben. Ich fände es für Facebook an sich eigentlich gefährlich, weiterhin jeden dahin locken und alles machen zu wollen…

    In dem Moment wo Netzwerke sich zu Wall Street orientieren sinkt die Nutzerfreundlichkeit (mehr oder weniger drastisch) da Wachstum um jeden Preis fast immer das Ergebnis ist.

  6. Philipp Hirzberger

    Facebook hat sich in gewissen Bereichen verändert und es ist zu einem Massenmedium geworden. Da ist es zwangsläufig so, dass sich bestimmte Gruppen dagegen entscheiden. Wer will schon von Eltern und Chefs ausspioniert werden?
    Allerdings ist Facebook noch immer unangefochten Nr. 1, wie du schon gezeigt hast gibt es einige Funktionen die sehr nützlich sind. Man muss hier einfach 2 Aspekte sehen einerseits die der User und andererseits die des Unternehmens. FB will Geld verdienen und wir sich genau überlegen, wo etwas zu holen ist. Es ist aber auch genug Power da, um etwaige Schwachstellen auszmerzen.
    Ich denke Facebook wird sich nicht so schnell verabschieden.