Mittwoch , 27 Juli 2016

Der (steinige) Weg zur ersten Million auf Facebook

Sie schwirren seit vielen Jahren durch die Pinnwände und Mailboxen: Nachrichten wie „DU bist nur einen Klick davon entfernt, deine erste Million im Internet zu verdienen.“ Klingt gut, wer von uns kann die Million EUR nicht gebrauchen?

Seit der letzten SEO-Campixx geistert wieder mal so eine Geschichte durch die Lande. Helle Aufregung in der Szene, weil ein junger Mann dort eine coole Präsentation über Online-Marketing gehalten hat. Noch cooler die Idee des Vortragenden, die genaueren Details zu seinen Ideen in einer geschlossenen Gruppe bekannt zu geben, deren Aufnahme 499 EUR kostet 😉

Eigentlich ist die verwendete Technik im Hintergrund nicht neu, offensichtlich aber selbst manch alten Hasen nicht bekannt. Da auch bei der Facebook Marketing Conference letzte Woche in München inhaltlich (wieder einmal) über langweilige Showcases im Bereich Brand Awareness ohne Sales-Anspruch und ohne konkreten Zahlen diskutiert wurde, bringe ich heute nur hier exklusiv und kostenlos kleinere Schweinereien mit den Facebook Ads for Audiences anhand eines natürlich komplett fiktiven Gedankenexperiments. Leider ohne Interview mit dem vielbeschäftigtem Millionär, der zur Zeit keine Minute frei hat.

Schritt 1: Wir suchen uns ein aktuelles Thema, das viele Menschen interessiert. Kaufen uns in irgendeinem Store das neue Spiel Titanfall und zocken zwei Nächte durch. Das bringt uns zwar der Million nicht näher, sorgt aber für Seelenheil und Reflexschärfung. Differenz zur ersten Million: – 1.000.049,61 EUR

Schritt 2: Wir besorgen uns 25 Stück spezieller Titanfall Tastaturen mit präzisem Tastenreaktionsverhalten, anpassbarer Hintergrundbeleuchtung und programmierbaren Makro-Tasten. Die Versandkosten pro Stück sind aufgrund der Menge annähernd irrelevant. Differenz zur ersten Million:1.003.047,11 EUR

Titanfall Tastatur

Schritt 3: Wir bauen rasch eine feine kleine Landingpage, auf der wir das Teil um 129,90 EUR zuzüglich Versandspesen anpreisen. Um SEO und sonstige Traffic-Maßnahmen kümmern wir uns nicht, das erledigt Facebook für uns. Einzig zwei FB Conversion Tracking Pixel bauen wir ein: im Warenkorb und bezahlt.

Schritt 4: Paranoiker kaufen sich jetzt eine nicht registrierte Prepaid-Kreditkarte, gehen in ein kleines Internetcafe und kreieren dort ein Facebook Fake-Profil. Nur aus Sicherheitsgründen natürlich.

Schritt 5: Der Facebook Open Graph ist eine wirklich feine Sache, Datenschützer sind begeistert. Momentan zwar nur in der englischen FB-Version verfügbar, bieten sich hier fast unendliche Möglichkeiten der Verknüpfung von Usern und Interessen – das mögen wir Verkäufer. Noch mehr mögen wir, wenn möglichst viel automatisch im Hintergrund läuft – wir wollen eigentlich nur im Analytics die Konversionen hochpoppen sehen. Daher programmieren wir nun entweder etwas (mühsam) oder legen uns einen sogenannten FB-Scraper zu (good choice), da gibt es am US-Markt seit 2012 einen ganzen Haufen verschiedener Software-Anbieter. Der Erwerb solcher Tools ist übrigens unbedenklich, zu den rechtlichen Risiken komme ich etwas später.

Wir entscheiden uns zB für FB Lead Chef um 35EUR, da schauen die Screenshots schon mal vielversprechend aus. Differenz zur ersten Million: – 1.003.082,11 EUR

Schritt 6: Einige Minuten später können wir kaum glauben, was dieses kleine Programm drauf hat 😉 Wo sind nun die potentiellen Käufer unserer Zocker-Tastatur? Vielleicht unter den 1Mio Facebook Fans von Titanfall. Wir werfen also die Fanpage in das Tool ein, warten 4 Sekunden und haben eine fein säuberliche Excel-Liste mit UserID, Name, eMailadresse der Fans. Netterweise schon bereinigt von Fakes und inaktiven Fans – wir sehen sogar eine Art „Rang“ der besonders aktiven User. Jetzt probieren wir auch noch Veranstaltungen und lesen mit einem Klick die Daten alle Teilnehmer des Events „Titanfall Release“ aus.

Schritt 7: Das Anlegen eines benutzerdefinierten Publikum/Facebook Audiences dauert in FB nur einige Augenblicke. Wir laden dort unsere gerade generierte Liste hoch und würden uns nun in der realen Welt (Erinnerung: dies ist nur ein Gedankenexperiment) den Kopf zerbrechen, ob wir das überhaupt dürfen. Nun ja, Facebook ist hier im Kleingedruckten ziemlich deutlich:

  • Du versicherst und gewährleistest, dass du (oder dein Datenanbieter) einen geeigneten Hinweis bereitgestellt und jedwede erforderliche Zustimmung von denjenigen Personen eingeholt hast (hat), deren Daten zur Erstellung der Hashwerte verschlüsselt werden; dieser Hinweis enthält auch die Notwendigkeit, sämtliche geltende Gesetze, Bestimmungen sowie Branchenrichtlinien einzuhalten.

Eigentlich ist dieses eher unbekannte Feature also dafür gedacht, gezielt Facebook Ads an bereits bestehende Kunden zu schalten. Aber Geld stinkt nicht und wir wollen uns schließlich endlich über diese ominöse Million freuen, führen also den Gedankengang zu Ende.

Schritt 8: Wir schalten nun eine poppige Facebook Werbung für unsere Zocker-Tastatur, geben im Targeting die gerade vorher generierte Audience an. Um nicht unnötig Klicks auf Fanpages zu verschwenden, verzichten wir auf die Anzeige im News-Stream und beschränken uns auf die rechte Spalte. Zielseite die neue Landingpage, bezahlt wird nach Klicks (CPC).

Schritt 9: Jetzt können wir endlich wieder Titanfall zocken, zwei Tage später schauen wir uns dann entspannt die Ergebnisse der abgeschlossenen Kampagne an. Aufgrund der sehr speziellen Zielgruppe mit so gut wie keinem Streuverlust ist die Klickrate signifikant höher und der Klickpreis signifikant niedriger als beim herkömmlichen Targeting über Interessen.

897 Klicks
3,93% CTR
0,11 EUR durchschnittlicher CPC
98,67 EUR Gesamtkosten für Ads

25 Konversionen
3.495,00 EUR generierter Umsatz
2,79% Konversionsrate auf der Landingpage

Bereinigt durch die Werbekosten und sonstige angefallenen Spesen haben wir uns nun unserem gesteckten Ziel schon haarscharf angenähert. Differenz zur ersten Million: – 999.933,28 EUR

 

Mein Fazit: Am ehesten kommt man wahrscheinlich zur Million, indem man sein Knowhow gutgläubigen Menschen um 499EUR pro Person verkauft *g* Aber die Leadgenerierung über gezieltes Facebook-Targeting ist schon eine sehr spannende Sache, speziell wenn man die Wertschöpfung zu 100% einsackt (wie zB bei einem selbst geschriebenen eBook) und nicht nur Affiliate betreibt. Der CPC liegt bei Audiences auf einem mehr als akzeptablen Niveau – mit einer gut performanten Landingpage kann man so sicherlich sehr gutes Geld verdienen.

Die Verwendung von FB-Scrapern als Basis für Audiences würde ich persönlich allerdings höflich als Grey-Hat bezeichnen, daher von der Nutzung mit dem eigenen Facebook Profil dringendst abraten. Am Ende des Tages muss halt jeder Unternehmer selbst entscheiden, wie weit er für seinen Erfolg gehen will.

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Thomas Thaler
Thomas Thaler ist ausgebildeter Informatiker, Unternehmensberater und Bilanzexperte - bald auch Rechtsanwalt. Der Touristiker aus Leidenschaft und Überzeugung hält auf Konferenzen und in Seminaren immer wieder Vorträge zum Thema Social Media Marketing. Weiters unterrichtet er seit 2005 eMarketing an der Fachhochschule für Management & IT in Innsbruck/Tirol, seine Spezialthemen sind SEO und Geschäftsmodelloptimierung von Portalen.
Thomas Thaler

16 Kommentare

  1. Sehr interessanter Artikel und wirklich gut geschrieben! :-) Wird das Projekt weiter verfolgt? 😉

  2. Supergut geschrieben und für mich genau passsend! Obwohl ich sehr, sehr bemängel, das Titanfall für die PS4 (hoffentlich noch) nicht zu bekommen ist.

    Nun aber zum Thema. Ich schäle ganz frech alle Grundvoraussetzungen für diesen Beitrag beiseite… kümmere mich nicht, um einen 499 Euro-Anbieter und frage mich eine Sekunde lang, ob es falsch ist einen Workshop für eine Vermarktungsstrategie anzubieten, und schaue mal auf das Potenzial hinter all dem…

    Gestartet bist du in die Werbung mit 3.082,11 Euro, hast Ware eingekauft, ein Marketingtool, welches scheinbar gar nicht so schlecht ist, blackhat-greyhat mal beiseite gelassen. Du hast mit deiner Kampagne einen Ertrag von 66,72 Euro erwirtschaftet. YEAH.

    Dieser gesamte Beitrag enthält aber sonst keine andere Information, als das du dir die Mühe gemacht hast, das Argument dieses „smarten 1 Mio.“ Marketers zu zerpflücken… Dabei frage ich mich jetzt die ganze Zeit… Warum?

    Warum machst du dir diese Mühe… Ging es dir letztlich ausschließlich darum, die Werbeaussage und das Angebot dieses Typen anzuprangern?

    Ich werde daraus echt nicht schlau.

    DENN:

    Dies selbe Maßnahme in einem Markt, mit höherer Interaktion, mit einem deutlich höheren Bedarf und einem Produkt mit sehr, sehr viel weniger Beschaffungs- und Produktionskosten…

    Wie würde dann der Ertrag aussehen?

    Was für eine verschwendete Mühe!

    Ein gutes Abnehmprodukt (welches !!! hilft und das gibt es tatsächlich, jaja) und du machst mit FB Ads eine Menge, eine Menge, eine Menge Ertrag und ja, ich weiß da tatsächlich wovon ich hier spreche. Aber. die CTR war hier sehr ordentlich;)

  3. @Mario Ich muss zugeben, die Werbeaussage diente mir nur als plakativer Einstieg 😉 Zerpflücken möchte ich da gar nichts, solche Methoden funktionieren meiner Ansicht nach.

    Das Thema Facebook Ads für Audiences mit Basisdaten aus FB-Scrapern ist unter der Hand derzeit eine heiß diskutierte Kartoffel. Da war es mal an der Zeit, ein wenig darüber öffentlich zu schreiben. Ich bin ganz sicher, die Details waren vorher lange nicht allen Lesern bewusst.

    Ich kann ja nur Möglichkeiten aufzeigen und deren Vor/Nachteile skizzieren. Das gewählte Beispiel der Titanfall Tastatur war rein meiner persönlichen Leidenschaft für das Game geschuldet. Abnehmen muss ich nicht *g*

  4. Danke für deine Antwort Thomas. Im letzten Satz gibst du allerdings Preis, welcher einer der größten Fehler überhaupt ist. Das hat jetzt weniger mit dir zu tun, da du ja dein Motiv genannt hast, aber letztlich geht es nicht darum, ob du abnehmen willst, sondern ob es eine ausreichend großen Teil von kaufwilligen Menschen bei Facebook gibt, die abnehmen wollen. Schließlich geht’s um den Kunden.
    Ab gesehen davon bin ich sicher, dass selbst Facebook die „Scraperei“ nicht mehr lange duldet.

  5. @Mario *haha* da hast du absolut recht. Nur meine persönliche Motivation beim Artikel schreiben ist halt größer, wenn es um ein Thema geht, das mir auch gefällt.

    Ich denke, Facebook wird den open graph ziemlich sicher nicht mehr abschalten. Aber Penalties für access tokens, mit denen Unsinn getrieben wird, gibt es jetzt schon. *hüstel* Weiß ich nur aus Erzählungen, klar.

  6. Danke erstmal Frank Doerr der mich auf diesen Artikel aufmerksam gemacht hat und danke dir dass du den Mut nicht aufgebracht hast mich namentlich zu erwähnen. Kurz zu den Eckpunkten:

    1. Du hast mich nie zum Interview eingeladen.
    2. Die Methode hast du ganz falsch getestet, hättest aber dies auch herausgefunden wenn du mitgelesen oder mitgehört hättest.

    Aber egal, Hauptsache man kommt lustig rüber. Reich wird man aber davon offensichtlich nicht.

  7. @Nedo Bitte nicht beleidigt sein, der Link zu deiner Slideshare-Präsi ist im Artikel für alle sichtbar.

    Und nochmal zum Mitdenken: ich ziehe weder Methode, noch Technik in Zweifel. Niemand muss sich genieren oder rechtfertigen, wenn er für Knowhow Geld kassiert. Also kannst das Kriegsbeil getrost eingepackt lassen.

    Ganz im Gegenteil, finde diesen Teil des FB-Marketing sehr spannend. Für ein Gedankenexperiment im rechtlichen Graubereich waren die Ergebnisse absolut überzeugend. Ich denke, die Chancen und Risiken der Verwendung von FB-Scrapern hat jeder Leser verstanden.

    Bezüglich Interview-Anfrage: schau mal in deine Facebook Korrespondenz am 20.03. Falls du dich nicht erinnerst, ich hab sicherheitshalber noch einen Screenshot davon 😉

  8. Was ist das Ziel des Artikels?

    Ad „rechtlicher Graubereich“: Da ist nichts grau, das ist alles jenseits der vorhandenen, geltenden Gesetze in AT

  9. @Andreas Das Ziel war es, dem Leser zu zeigen, was ein FB-Scraper ist und was man damit theoretisch alles machen kann.

    Wenn ich mir die Zugriffszahlen, Likes und meine Inbox anschaue, dürfte das den einen oder anderen interessiert haben 😉

    Den rechtlichen Bereich des Einsatzes sehe ich auch sehr kritisch, das ist hoffentlich aus meinem Text klar herausgekommen. Auf welche konkreten Normen spielst du an?

  10. zwischen „kritisch“ und „graubereich“ und auf der anderen Seite des Gesetzes sind aber schon 2 paar Schuhe. Das liest sich so als ob es sich um ein Kavaliersdelikt handelt neben dem Zuwiderhandeln von Nutzungsbedingungen .

    Danke für die Erklärung des Ziels. Wäre eingangs wohl interessant zu lesen, denn ich bin am Ende des Artikels dagestanden und gedacht: ja eh nett, aber was war das jetzt?

  11. Hallo,

    sehr sehr sehr guter und lesenswerter Artikel – Dieser liest sich echt schön und macht den Author irgendwie sympathisch :-)

    Zum Thema: ich bin auch überzeugt das diese Anleitungen zum Millionär wertlos sind, diese nerven auch und machen so eine Seite irgendwie unseriös!

    Beste Grüße, Chris (www.onlinemarketingtipps24.de)

  12. Super Artikel!

    Information gekoppelt mit Humor und (selbst)Ironie. Mehr Mut zum locker machen und weniger Ernsthaftigkeit diesen Dingen gegenüber. Gerade wenn man spielerisch ran geht, klappt häufig mehr.

    Dankeschön und weiter so!

  13. Hallo Herr Thaler,

    Sie haben Humor. Ihr Artikel ist für mich lesenswert. Vor allem deswegen, da ich „um die Ecke“ denken musste.

    Beste Grüße, Ralph Scholze