Sonntag , 18 Februar 2018

Darf Werbung auch verkaufen? #wpsummit

Letzte Woche war es wieder einmal so weit: die größte Digital-Marketing-Conference Österreichs ist in der wunderschönen Wiener Hofburg über die Bühne gegangen. Nachdem ich letztes Jahr nur virtuell dabei war, durfte ich nun auf Einladung des Veranstalters (vielen, vielen Dank nochmal) live dabei sein.

Gleich zu Beginn ein kurzes Fazit für alle, die nicht fertiglesen wollen 😉 Es war sicher DAS Networking-Event unserer Branche, inhaltlich allerdings für meinen Geschmack etwas zu lau. Daniel Friesenecker nannte es in seinem Recap das Klassentreffen der Onlineszene – das kann ich absolut unterschreiben. Aber lassen wir die Ereignisse kurz Revue passieren.

(c) www.werbeplanung.at

Für die Eröffnung war eine visionäre Keynote von Matt Brittin (Vice President Northern & Central Europe bei Google) angekündigt. Als er Google Insights (Marktlaunch am 05.08.2008) vorstellte, dachte ich noch „Oje, er hat versehentlich eine vier Jahre alte Präsentation erwischt“. Spätestens als Brittin dann aber A/B Tests als neue[sic] Methode zur Konversionsoptimierung vorstellte, war meine Verwirrung komplett. Als durchgehendes Beispiel, wie das Web unser Leben verändert, hat er Online-Dating gewählt. Ist zwar ein guter und richtiger Anwendungsfall, hat aber wahrscheinlich 1997 das letzte Mal für Staunen im Publikum gesorgt.

Nach diesem fulminanten Start wurden zwei Tage lang auf vier verschiedenen Panels verschiedenste Themen von Marketing und Werbung vorgestellt/diskutiert. Naturgemäß habe ich nicht alle miterleben dürfen, kann daher nur von meiner subjektiven Selektion berichten:

Fokus der Werbung nach wie vor auf Print

Meine Zusammenfassung des prominent besetzen Mediengipfel am Donnerstag fällt sehr kurz aus: Online war/ist in Österreich tot. Nach wie vor machen die großen Verlagshäuser weit über 90% ihres Werbeumsatzes im traditionellen Printgeschäft. Online wird aber (nun schon seit den 90er Jahren) als spannender und interessanter Wachstumsmarkt gesehen 😉 Als Gegenbeispiel darf ich hier die renommierte New York Times nennen, deren Online-Anteil schon 28% des Werbeerlöses ausmacht.

Google+ blieb unsichtbar

Nachdem das neue soziale Netzwerk von Google nicht einmal in der Keynote Würdigung fand, tauchte Google+ auch bei allen anderen Themen nicht auf. Das gleiche Schicksal erlitten übrigens Pinterest und So.cl *gg*

Bleiben wir doch unverbindlich

Ich lehre ja seit 2005 eMarketing, vertrete dort immer schon die umstrittene Meinung, dass sich Werbung & Marketing (genauso wie Customer Service) in Wahrheit mitten im Verkaufsprozess sehen müssen. Viel zu losgelöst von der betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit habe ich daher einige Wortspenden großer und namhafter Werbeagenturen gehört: „Der Vorstandsetage unseres Kunden hat die Kampagne gut gefallen und der Aufsichtsrat war ebenfalls positiv angetan – Erfolgskennzahlen wie ROI oder Ähnliche brauchen wir da nicht.“ oder „man muss das Ganze globaler betrachten, es geht schließlich um Branding und Image.“

Nun ist bekanntlich Geld ausgeben unendlich lustiger und kreativer als schnödes Geld verdienen – irgendwie beneide ich die Kollegen, die solch fette Etats verbraten und danach die Auflage einer Printzeitung bereits als erfolgreiche Sichtkontakte reporten können.

Ich darf an dieser Stelle ein altes Zitat verwenden, dass aber nach wie vor seine Gültigkeit hat: „Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.“ Auch wenn es nun ketzerisch klingt: der Fisch einer Werbeagentur ist aber nicht, ich wiederhole nicht der Werbekunde, sondern der Konsument, der deren Produkte/Dienstleistung gefälligst kaufen soll. Also konzipieren, planen und bauen wir doch bitte Kampagnen, die tatsächlich den Endkunden überzeugen und nicht die Vorstandsetage des Unternehmens.

Haben wir Angst vor konkreten Zahlen oder kennen sie einfach nicht?

Das charmante Umgehen von konkreten Zahlen zog sich überhaupt wie ein roter Faden durch so gut wie alle Panels. Wenn ein Satz mit „Die Kampagne X ist besonders gut gelaufen…“ beginnt, erwarte ich mir halt im zweiten Satzteil „weil wir mit einem investierten Budget von X EUR Y EUR Deckungsbeitrag erzielen konnten.“ Überhaupt glänzten die Themen Messbarkeit, Conversiontracking und effektive Tools durch Abwesenheit.

Meine persönlichen Lieblinge waren leider nur Randthemen

Schade eigentlich: SEO und SEA wurden in zwei Tagen ganze 1h50min gegönnt und auf die Publikumsmesse verbannt. Die Vorträge über Performance Marketing waren bedauerlicherweise zum größten Teil Eigenwerbungen ohne Mehrwert. Kultzitat: „Natürlich können sie bei den Mitbewerbern auch billiger kaufen. Aber nur bei uns, beim xyz-Network, kaufen sie die guten und wertvollen Klicks!“

Gleiches gilt für Social Media – der Bedeutung von Facebook im modernen Werbemix wurde meines Erachtens auf dieser Veranstaltung viel zu wenig Bedeutung geschenkt. Da gab es ein paar Originalzitate, über die wir 2012 eigentlich nur mehr mitleidig den Kopf schütteln können. „Wir wollen auf unserer Fanpage nur gute Fans – keine Leute, die sich über irgendwas beschweren.“ oder „Manche Blogger haben Grippe und sind damit ansteckend.“

Als doch halbwegs Informiertem ist es mir wie vielen meiner Branchenkollegen gegangen: das Niveau war absolut Einsteiger orientiert. Wer für den stolzen Ticketpreis von 540EUR zuzüglich USt vielleicht Best Practices, Case Studies mit konkreten Zahlen, innovative Ansätze oder Zukunftsvisionen gesucht hat, wurde sicherlich enttäuscht. Da würde ich lieber ein paar Euros für ein gutes Buch empfehlen.

Als Veranstalter würde ich da die Erfahrungen vom eDay der Wirtschaftskammer nutzen. Dort wurden alle Panels schon im Programmheft mit Basic, Intermediate und Expert markiert – dementsprechend war dann das Vortragsniveau.

Die Highlights

Neben der schon erwähnten Location waren Organisation, Technik und Verpflegung vom Feinsten. Tadelloses WLAN, eine kostenlose Handyladestation(!) und eine fette Chilloutparty im Volksgarten machten das Summit zu der meines Erachtens besten Veranstaltung der Onlinebranche. Rein fachlich fehlen allerdings zur Liga einer SEOKomm noch Lichtjahre.

Die zwei (subjektiv) besten Panels waren Reputation mit einem überzeugenden Mahlodji sowie witzigem Seeger und Social Commerce mit der wunderbaren Klausberger neben der authentischen Grabs.

Nach dem mehr als enttäuschenden Mediengipfel war dann der Werbegipfel am Freitag ein Genuss. Man glaubte es ja kaum: da waren tatsächlich einmal Leute am Podium, die soziale Netzwerke auch nutzen *ftw*

Der Summit aus Ich-Perspektive

Um auch den Skeptischen einen Eindruck zu verschaffen, wie es dort zugegangen ist, hat sich Richard Haderer eine Kamera auf den Kopf geschnallt. Hat mich sehr gefreut, einige Twitteranten auch mal persönlich kennenzulernen – waren zwei sehr coole Tage. Auf meinem Facebookprofil  habe ich ein paar Fotos von der Sause veröffentlicht.

Thomas Thaler
Thomas Thaler ist ausgebildeter Informatiker, Unternehmensberater und Bilanzexperte - bald auch Rechtsanwalt. Der Touristiker aus Leidenschaft und Überzeugung hält auf Konferenzen und in Seminaren immer wieder Vorträge zum Thema Social Media Marketing. Weiters unterrichtet er seit 2005 eMarketing an der Fachhochschule für Management & IT in Innsbruck/Tirol, seine Spezialthemen sind SEO und Geschäftsmodelloptimierung von Portalen.
Thomas Thaler

8 Kommentare

  1. Vielen Dank für den tollen Bericht. Der hilft sehr zu überlegen mit welcher Zielsetzung man sich evtl. im nächsten Jahr anmeldet!

  2. Hey, danke für den Artikel. Gut getroffen :)

    LG Ali

  3. Sicher ein tolles Networkingevent, aber wie gesagt (noch) nichts für mich. Danke für die Zusammenfassung, klingt für mich sehr nachvollziehbar.

  4. Danke für den super Bericht. Klingt, als ob die Veranstaltung in der Schweiz gewesen wäre. 😉 Bei uns sind alle in der Ära des Email-Marketings hängen geblieben und haben noch nie etwas von SEO/SEA gehört… :)

  5. Ich bin gespannt, ob sie G+ irgendwann zumachen. Es scheint nichtmal bei Technikaffinengurus wirklich anzukommen. Und Werbung machen ohne vorher Kundentraffic zu haben, geht nunmal nicht.

  6. shit, was ich aber noch anmerken wollte: Man sollte versuchen sich nicht zu abhängig von Google zu machen. Auch wenn sie in Europa ein Monopol haben, es gibt auch noch andere Optimierungsverfahren und Searchengines.

  7. tolles Bildmaterial .-). Aber wohl auch für mich NOCH nichts. Mal schauen wie das in zukunft wird.

  8. toller Artikel, jetzt fällt es leichter sich für das nächste Jahr zu orientieren. Kaum SEO? Ich kann es nicht fassen